Angriff durch MS: Was passiert im Gehirn

Angriff durch MS: Was passiert im Gehirn

In den letzten Jahren ist der übermäßige Abbau von Gehirnvolumen bei Multipler Sklerose (MS) weiter in den Fokus der Forschung gerückt. Denn die sogenannte Gehirnatrophie (umgangssprachlich auch Gehirnschwund) ist Mitverursacher verschiedener Symptome der MS. Den wenigsten Betroffenen ist bekannt, dass die Gehirnatrophie Auswirkungen auf die Denk- und Konzentrationsfähigkeit haben kann.

MS – Angriff auf das Gehirn

Bei MS richtet sich das Immunsystem gegen körpereigene Zellen. In der weißen Substanz kommt es daraufhin zu Entzündungen an den Myelinscheiden der Nervenfasern. Beim Abheilen können Vernarbungen entstehen.

Diese bilden eine Barriere, durch die Impulse entweder verzögert oder gar nicht mehr weitergeleitet werden können. Bei einer starken Schädigung kann dies bis hin zur vollständigen Zerstörung von Nervenzellen führen. In der grauen Substanz führen hingegen die Entzündungen zu Schäden an den Nervenzellkörpern und deren Fortsätzen. Dadurch können die Nervenzellen ebenfalls ihre Funktionsfähigkeit verlieren und absterben.

Durch die Neubildung von Nervenzellen wirkt der Körper diesem Abbau in bestimmten Bereichen des Gehirns entgegen. Die Rolle dieser sogenannten Neurogenese für kognitive Funktionen ist noch unklar1. Der vermehrte Abbau von Nervenzellen, Nervenzellfortsätzen und Synapsen steht allerdings in einem engen Verhältnis zum fortschreitenden Grad der kognitiven Beeinträchtigungen2.

Zum einfachen Verständnis haben wir hier ein Video zur Verfügung gestellt, dass die komplexen Vorgänge beim Gehirnschwund leicht erklärt.

Der Thalamus – Ein früher Prädiktor

Wegen seiner Verbindungen zu Basalganglien, frontalem und anderen kortikalen Regionen gilt der Thalamus als Schaltstelle für die Informationsverarbeitung. Daher ist auch das Volumen des Thalamus ein guter Prädiktor für die Gesamtkognition3.

Der Thalamus bildet den größten Teil des Zwischenhirns und ist eine Art Schaltzentrale. Er entscheidet, welche Informationen aus der Umwelt bedeutend sind und welche nicht. Das Gehirnareal lässt sich in verschiedene Kerngebiete, unterteilen. Sie sind als Mittelsmänner zu verstehen, denn sie leiten alle eingehenden Informationen der Sinnesorgane, Muskeln und Gelenke aber auch der Schmerzrezeptoren an die Großhirnrinde weiter.

So werden zum Beispiel alle optischen Reize, die das Auge aufnimmt, über den Sehnerv an den „Sehkern“ des Thalamus gesendet. Dort werden die Informationen auf die Nervenzellen übertragen, in die Optik-Zentren der Großhirnrinde weitergeleitet und schließlich in Handlungen übersetzt.

Wenn der Gehirnschwund die Wahrnehmung stört

Der Gehirnschwund stört den Thalamus bei seinen Aufgaben – der Wahrnehmung, Filterung und Abwandlung der relevanten Informationen aus der Flut aller eintreffenden Impulse der Sinnesorgane.

Die neuen Erkenntnisse zur Gehirnatrophie waren der Startschuss für ein neues Therapieziel: Neben der Vermeidung von Schüben ist heute die Reduzierung des Gehirnabbaus auf das normale Maß eine realistische Behandlungsperspektive. Auch hier gilt: Je früher gestartet wird, desto besser.

Mit gezielten Übungen kann das Gehirn in seiner Arbeit unterstützt werden. Für das Gehirntraining zwischendurch finden Sie hier ein kleines Rätsel.

Bis heute sind die Diagnosemöglichkeiten noch unzureichend und die Gehirnatrophie wird oft erst spät erkannt. Mehr dazu erfahren Sie in dem kommenden Fokusthema ab dem 16. Februar.

Quelle(n):

[1] Bartsch, T., Falkai P.: Gedächtnisstörungen: Diagnostik und Rehabilitation; Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2013
[2] Iris-Katharina Penner: Kognition und MS – ein unterschätztes Problem. In: DNP – der Neurologie & Psychiater 2017; 18 (S1). Seite: 49-52.
[3] Schoonheim MM et al: Subcortical atrophy and cognition: Sex effects in multiple sclerosis., Zeitschrift: NEUROLOGY, Ausgabe (2012)