Malen, Gestalten und Co. − Kunsttherapie bei MS

Frau führt ein Art diary zur Entspannung bei MS mit Kunsttherapie. Sie malt ein fröhliches Bild zum Sommer mit Palme, Sonnenbrille, Sonne, Sonnenschirm, Bikini, Wasserball und Herz.

Für den einen ist Kunst ein Gemälde, eine Skulptur oder eine Fotografie, für den anderen ein klassisches Musikstück oder ein Gedicht. Kunst ist vielfältig und kann nicht nur im Museum angeschaut werden. Wenn wir Kunst erleben, hat das auch eine Wirkung auf unsere Gefühle. Daher findet die Kunsttherapie u.a. auch in der MS-Therapie Anwendung.

MS und Kunst – die Wirkung auf den Körper

Dass Kunst eine Wirkung auf uns und unsere Emotionen hat, das hat jeder sicherlich schon einmal erfahren. Vielleicht war es ein Musikstück, das eine Gänsehaut hervorrief oder ein Film, der zu Tränen rührte?

Der Wissenschaftszweig der Neuroästhetik versucht auf neurobiologischer Ebene herauszufinden, was wir als schön definieren und was beim Erleben von Kunst im Körper passiert.1

Sympathikus und Parasympathikus sind Teile unseres Nervensystems. Sie funktionieren als Gegenspieler. Wird der Sympathikus aktiv, steigt der Herzschlag und die Atmung wird schneller. Erregende Emotionen können so eine Gänsehaut hervorrufen. Im Gegenzug sorgt der Parasympathikus dafür, dass unser Körper sich erholt und entspannt. Wenn er aktiv wird, ist man beispielsweise zu Tränen gerührt.

Nur wenn wir besonders bewegt sind, werden beide Systeme aktiv. Das passiert allerdings eher selten. Erstaunlich ist daher die Wirkung von Kunst auf unseren Körper, denn eigentlich reagiert er so nur auf Reize wie Essen oder Berührungen.2

Kunsttherapie bei Multipler Sklerose

Die besondere Wirkung von Kunst auf unsere Gefühle aber auch auf die funktionellen Bereiche des Körpers macht man sich in der Kunsttherapie zunutze.

Die eigenen Gefühle werden bewusst und unbewusst in Bildern und jedweder Art von Kunst verarbeitet und ausgedrückt. Durch das direkte Erleben der Kunst werden neue, berührende Erfahrungen mit unseren Emotionen ermöglicht. Der zuvor eingeschränkte Blick auf ein Problem wird dabei häufig erweitert. Wir entdecken in unseren Bildern selbst Lösungen für viele Probleme und neue Perspektiven für unser Leben.

Die Wirkung der Kunsttherapie bei MS

Ist man kreativ, befindet man sich in einer Art „Trance". Man ist in einem Zustand, in dem man voll und ganz auf seine Arbeit konzentriert ist und die eigenen Gefühle oder Empfindungen vergisst. Wissenschaftler bezeichnen dieses Gefühl als „Flow-Erlebnis".3

Dieses Vergessen und die Verarbeitung der eigenen Probleme macht sich die Kunsttherapie zunutze.4  Bei Multipler Sklerose wird die Therapie zur Krankheitsbewältigung, zur Entspannung und zum Stressabbau z. B. nach der MS-Diagnose oder einem MS-Schub eingesetzt.

Kunsttherapie kann auf unterschiedliche Weise MS-Symptome verbessern:

  • Man lernt sich selbst und seine Bedürfnisse besser kennen. Das hilft im Umgang mit der MS-Erkrankung.
  • Das Flow-Erlebnis sorgt für Entspannung und Stressabbau.
  • Das kreative Arbeiten schafft mehr Distanz zu Problemen und man entdeckt neue Lösungswege.
  • Die Kunsttherapie wirkt sich bei Menschen mit MS positiv aus auf Depressionen, Fatigue und Lebensqualität.5
  • Durch die handwerklichen Tätigkeiten können die Feinmotorik und die Koordination von Bewegungsabläufen in Händen und Armen verbessert werden.
  • Das kreative Schaffen stärkt die Kognition bei MS und hilft bei Problemen mit der Wahrnehmung und Konzentration.
  • Durch den Umgang mit unterschiedlichen Materialien (Ton, Speckstein, Wolle, Sand, Farbe, Papier etc.) werden die Sinne sensibilisiert und die Wahrnehmung verbessert.
  • Durch die Arbeit werden Problemlösefähigkeiten trainiert.

MS in die Kunst einfließen lassen: das Art Diary

Ein neuer Trend ist das Art Diary, auch Art Journal genannt. Dabei handelt es sich um ein Tagebuch, bei dem das Geschriebene zusätzlich mit Zeichnungen, Collagen oder Skizzen verbildlicht wird.

So kann man neben der Schreibtherapie gleichermaßen die Effekte der Kunsttherapie nutzen. Mit Bildern lassen sich manchmal Gefühle leichter ausdrücken, die sich schwer in Worte fassen lassen.

Vielleicht ist das Art Diary ja auch etwas für Sie? Für Inspirationen zum Thema Art Diary können Sie einfach den Begriff in die favorisierte Suchmaschine eingeben.

Mehr über die befreiende Wirkung der Worte und die Schreibtherapie bei MS finden Sie in unserem Artikel „Wenn Worte uns befreien".

Phil Hubbe – wie er sein Hobby zum Beruf machte

Phil Hubbe hat selbst MS. Er war schon immer leidenschaftlicher Zeichner. Nach der MS-Diagnose machte er sein Hobby zum Beruf. Er wurde Cartoonist. Mit seinen Cartoons möchte er das Bild von Menschen mit chronischen Erkrankungen und Behinderungen in der Gesellschaft verändern. Das Zeichnen half ihm aber auch bei der Krankheitsbewältigung nach der MS-Diagnose und gibt ihm bis heute Kraft und Energie. Mehr über Phil Hubbe erfahren Sie in dem vollständigen Interview hier und auf seiner Webseite.

Der aktuelle Service auf MS und ICH

In unserem wöchentlichen Service finden Sie hier Ideen für kreative Fotoaufnahmen. Probieren Sie es mal mit Ihrer heimischen Kamera oder Ihrem Smartphone aus. Vielleicht geraten Sie dabei in einen angenehmen Flow und werden noch zum leidenschaftlichen Hobbyfotografen.

Das erwartet Sie auf MS und ICH

Menschen hinterlassen oft durch Ihre Körpersprache einen bleibenden Eindruck. Aber was ist, wenn die Mimik durch Multiple Sklerose beeinträchtigt ist? Alles Wichtige zum Thema Körpersprache bei MS und wie Sie Einfluss darauf nehmen können, erfahren Sie am 28.09.2018. Wir freuen uns auf Sie.

Quelle(n):

[1] https://www.dasgehirn.info/wahrnehmen/schoenheit/im-kopf-des-betrachters
[2] https://www.dasgehirn.info/aktuell/frage-an-das-gehirn/wie-erklaert-sich-die-wirkung-von-kunstwerken
[3] Csikszentmihalyi, Mihaly (2000). Beyond boredom and anxiety. San Francisco, CA, US: Jossey-Bass.
[4] Schuster, Martin & Hildegard Ameln-Haffke 2013: Selbsterfahrung durch Malen und Gestalten. Die therapeutische Kraft der Kunst nutzen. Göttingen: Hogrefe.
[5] Adelwöhrer C., Aichner, F., Nausner A., Stieglbauer K., 2008: „Kunsttherapie bei Patienten mit schubförmiger Multipler Sklerose" in Psychatrie und Psychotherapie 4(3):92-99. https://link.springer.com/article/10.1007/s11326-008-0021-5