Ameisen laufen auf einer Hand
istock-kozorog-577621996

Nervenschädigung stört die Weiterleitung von Schmerzimpulsen

Die Vielfalt unsichtbarer Symptome bei Multipler Sklerose ist groß. Zu ihnen zählen auch Schmerzen und Empfindungsstörungen, die als direkte Folge von MS auftreten können.

Werden die Nervenzellen im Zentralnervensystem (ZNS) bei MS beschädigt oder zerstört, wird die Weiterleitung von Impulsen gestört. Oft wird diese Störung nicht wahrgenommen, weil unser Gehirn aufgrund seiner Plastizität zunächst vieles ausgleichen kann.

Kann das Gehirn den Schaden nicht mehr kompensieren, können auch die Schmerzimpulse bzw. die Schmerzwahrnehmung betroffen sein. Sogenannte Negativsymptome können dann einerseits eine reduzierte Empfindung oder Taubheit bei Berührungs-, Vibrations-, Wärme- oder Kältereizen mit sich bringen. Andererseits können sich Empfindungen aber auch verstärken. Man spricht deshalb von Positivsymptomen. Sie können als Schmerz spürbar werden, z. B. durch schmerzhaftes Kribbeln oder Missempfindungen, einschießende Schmerzattacken (z. B. Trigeminusneuralgie) oder bereits bei leichter Berührung, Kälte oder Wärme.1

Akuter und chronischer Schmerz bei Multipler Sklerose

Der Schmerz ist ein natürliches Phänomen, das vor lebensbedrohlichen Verletzungen warnt und eine Schutzreaktion auslöst. Akuter Schmerz weist damit auf körperliche Probleme hin. Der Schmerz kann schließlich identifiziert werden und verschwindet wieder, sobald die Ursache geheilt ist. Bei Multipler Sklerose zeigt er sich beispielsweise durch eine schmerzhafte Spastik, eine schmerzhafte Fehlhaltung, eine Blasenentzündung oder Kopfschmerzen.

Chronischer Schmerz beschreibt einen Schmerz, der seine Warnfunktion als solche verloren und sich verselbstständigt hat. Als Folge einer chronischen Erkrankung wie der MS zählen z. B. die Trigeminusneuralgie (Nervenschmerz am Trigeminusnerv) oder sensible Symptome bei neuropathischen Schmerzsyndromen zu dieser Kategorie.

Chronische Schmerzen diagnostizieren und behandeln

Schmerzen sind für die Betroffenen oft sehr belastend. Sie erschweren nicht nur den Alltag, sondern sind auch schwierig zu beschreiben. Während akute Schmerzen mit der richtigen Therapie und einem Schmerzmittel wieder verschwinden, muss der chronische Schmerz zunächst weiter unter die Lupe genommen werden. Um die Ursache festzustellen, unternimmt der Arzt eine gründliche Befragung unter Zuhilfenahme einer Schmerzskala, unter Umständen empfiehlt er zunächst über einen gewissen Zeitraum ein Schmerztagebuch zu führen.1 Einen Fragebogen zur Schmerzbeschreibung finden Sie in unserem aktuellen Service zum Download.

Die Schmerztherapie erfolgt meist interdisziplinär. Ärzte und Therapeuten aus unterschiedlichen Fachrichtungen arbeiten dabei eng miteinander. Zu ihnen gehören Schmerztherapeuten/Anästhesiologen, Fachärzte, Physio- und Sporttherapeuten, Ergotherapeuten, Logopäden oder Psychotherapeuten. Sie behandeln den Schmerz ganzheitlich aus unterschiedlichen Perspektiven – körperlich und psychologisch.

Bei Multipler Sklerose ist in diesem Zusammenhang wichtig, durch eine frühzeitige wirksame Behandlung, den Nervenschaden im ZNS und damit die neurologischen Funktionsstörungen gering zu halten.

Wie die Nerven bei MS im Krankheitsverlauf geschädigt werden

Etwa 85 % aller MS-Patienten leiden an schubförmiger Multipler Sklerose.2 Dieser Krankheitsverlauf ist gekennzeichnet durch krankhafte Phasen (sogenannte MS-Schübe) und Remissionsphasen3, in denen sich das ZNS regeneriert. Durch die Plastizitätsreserve des Gehirns zeigen sich die ersten Zeichen für die Krankheitsaktivität erst, wenn die sogenannte Klinische Schwelle (s. Abb. 1) überschritten wird. Im Laufe der Jahre verbleiben mit jeder Remission mehr neurologische Funktionsstörungen, dazu gehören u.a. auch Schmerzen und sensible Symptome. Ungefähr 80 % der MS-Patienten entwickeln so ein bis zwei Jahrzehnte nach der Diagnose eine sekundäre progressive Multiple Sklerose.2

Grafik Krankheitsverlauf MS
Novartis Pharma GmbH

Abbildung 1: Multiple Sklerose geht unbehandelt im Krankheitsverlauf mit einem verringerten Gehirnvolumen und einer erhöhte Neurodegeneration einher4

Bei der sekundär fortschreitenden Erkrankung (SPMS) ist das Voranschreiten von neurologischen Funktionsstörungen unabhängig von MS-Schüben. Allerdings kann die SPMS auch weiterhin von Schüben begleitet werden. Die entzündlichen Läsionen im Gehirn sind bei der SPMS nicht mehr charakteristisch und der fortschreitende neurologische Rückgang geht stattdessen mit einer ZNS-Atrophie einher. Das bedeutet für Betroffene, ein verringertes Gehirnvolumen und eine erhöhte Neurodegeneration.5

Konsequente MS-Therapie verhindert Beeinträchtigungen von Anfang an

Um die Nervenschädigung im ZNS gering zu halten, ist es wichtig, frühzeitig mit einer intensiven krankheitsmodifizierenden Therapie darauf zu reagieren.6 Im Vergleich zu einer moderaten Immuntherapie konnte eine frühzeitige intensive krankheitsmodifizierende Therapie in den ersten fünf Jahren den Krankheitsverlauf dauerhaft günstig beeinflussen, gerade im Hinblick auf bleibende neurologische Funktionsstörungen.7

Reicht die Basistherapie nicht aus, sollte man mit dem Arzt über eine Therapieoptimierung und die Umstellung auf eine Therapie für eine (hoch)aktive Verlaufsform der Multiplen Sklerose sprechen. Dadurch kann man einerseits die Schädigung im ZNS von Anfang an gering halten, andererseits auch den Übergang in den sekundär progredienten Verlauf verzögern.8

msundich Schmerzfragebogen Vorschaubild
Novartis Pharma GmbH

Schmerzanamnese

Ein Fragebogen der hilft, Schmerzen zu beschreiben.

Quelle(n):

[1] Marziniak M: Aktiv gegen Schmerzen bei Multipler Sklerose, Deutscher Medizin Verlag (dmv) 2019.
[2] Dendrou CA et al. Immunopathology of multiple sclerosis. Nat Rev Immunol. 15(9):545–558 (2015).
[3] Glossar: Remissionsphase=Erholungsphase; das vorübergehende oder dauerhafte Nachlassen von Krankheitssymptomen, jedoch ohne Heilung.
[4] Modifiziert nach: Dendrou CA et al. Immunopathology of multiple sclerosis. Nat Rev Immunol. 15(9):545–558 (2015).
[5] Neurodegeneration: Krankhafte Prozesse, die zu einem Funktionsverlust und/oder zum Untergang von Nervenzellen führen.
[6] Tintoré M. Early MS treatment. Int MS J. 14(1):5–10 (2007).
[7] Pressemitteilung der DGN vom 24.6.2019: Multiple Sklerose - von Anfang an konsequent behandeln! https://www.dgn.org/presse/pressemitteilungen/56-pressemitteilung-2018/3791-multiple-sklerose-von-anfang-an-konsequent-behandeln
[8] Brown JWL, et al. Association of initial disease-modifying therapy with later conversion to secondary progressive multiple sclerosis. JAMA 2019;321:175–87.