Was sind kognitive Störungen?

Was sind kognitive Störungen?

Kognitive Beeinträchtigungen kommen bis zu 70 % der MS-Patienten vor. Das Wort „kognitiv" leitet sich von dem Latinischen Wort „cognoscere" ab, was übersetzt „bemerken" oder „erkennen" bedeutet. Kognition im weiteren Sinne schließt also alle Prozesse ein, in denen Umweltinformationen über die Sinne aufgenommen, verarbeitet, behalten und für die Entscheidungsfindung verwendet werden. Dazu zählen beispielsweise: Wahrnehmung, Erkennen, Vorstellen, Urteilen, Gedächtnis, Lernen, Denken, oft auch Sprache [1].

MS-Erkrankte sind individuell sehr unterschiedlich von kognitiven Störungen betroffen. Allgemein gültige Aussagen lassen sich nur schwer treffen. Die Probleme reichen von Störungen des Gedächtnisses oder der komplexen Aufmerksamkeit bis hin zu Schwierigkeiten beim Sprechen. Die Sprache, die visuelle Wahrnehmung und die einfache Aufmerksamkeit sind hingegen seltener betroffen.Auch Verhaltensänderungen oder ein schwerwiegender kognitiver Abbau kommen relativ selten vor.

Kognitive Störungen, die während eines Schubes auftreten oder durch andere Faktoren ausgelöst werden (z. B. Depression, ausgeprägte Phasen der Ermüdbarkeit beiFatigue, Stress, Medikamente) können sich wieder komplett zurückbilden. Art und Ausmaß der kognitiven Störungen sind unabhängig vom Behinderungsgrad. Es besteht jedoch ein Zusammenhang zwischen der kognitiven Leistungsfähigkeit und dem Ausmaß der Zerstörung von Nervenzellen im Gehirn. Die geistigen Leistungsstörungen hängen auch davon ab, welche Hirnareale betroffen sind. Vor allem Schädigungen (Läsionen) im Großhirn sind für die kognitiven Beeinträchtigungen verantwortlich.

Kognitive Störungen, insbesondere Gedächtnisstörungen und intellektuelle Leistungsbeeinträchtigungen, sind häufig bei MS-Betroffenen mit einem chronisch-progredienten (d. h. dauerhaft fortschreitendem) Krankheitsverlauf (SPMS, PPMS) ausgeprägter. Im Gegensatz dazu sind kognitive Störungen bei Patienten mit schubförmigem MS-Verlauf (RRMS) weniger deutlich, die Leistungsbeeinträchtigungen variieren stark. [2]

Welche kognitiven Störungen findet man bei MS?

Welche Arten von kognitiven Störungen auftreten, ist nicht vorhersehbar. Folgende kognitive Fähigkeiten sind bei MS-Betroffenen jedoch häufig beeinträchtigt:

Gedächtnis: Das Gedächtnis ist die Fähigkeit, Informationen zu speichern und zu reproduzieren, also Erlerntes wiederzugeben. Ist das Gedächtnis beeinträchtigt, verlängert sich die Zeitspanne, um sich z. B. die Einkaufsliste einzuprägen, sich eine Telefonnummer zu merken oder Vokabeln so zu lernen, dass sie später wieder abrufbar sind.

Informationsverarbeitung: Um einen Text zu verstehen, müssen Zusammenhänge erfasst und Informationen verarbeitet werden. Ist die Informationsverarbeitung gestört, benötigt das Gehirn mehr Zeit, um den Inhalt eines Textes zu begreifen, aber auch, um Bekanntes aus dem Gedächtnis abzurufen, beispielsweise, das passende Wort zu finden (Wortfindungsstörungen) oder den Ort des vergangenen Urlaubs zu benennen.

Komplexe Aufmerksamkeit: Aufmerksamkeit erfordern fast alle Tätigkeiten im Alltag, wie z. B. Kommunikation, Fernsehen, Kochen, Werken, Orientieren, Lesen. MS-Patienten betreffen vor allem Störungen der komplexen Aufmerksamkeit (sogenanntes Multitasking), bei der es auf die Verarbeitung von vielen Informationen gleichzeitig ankommt. Das äußert sich in Schwierigkeiten, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun, z. B. ein Gespräch zu führen und gleichzeitig Gesprächsnotizen anzufertigen, oder zu bügeln und dabei eine Fernsehsendung zu verfolgen. Die einfache Aufmerksamkeit, die jede einzelne Aktion für sich erfordert, ist dagegen normalerweise nicht eingeschränkt.

Planen und Handeln: Planen und Handeln umfasst die Fähigkeit, komplexe Vorgänge zu erfassen, Strategien und Problemlösungen zu entwickeln und schließlich das Geplante umzusetzen. Ist diese Fähigkeit eingeschränkt, dauert es beispielsweise länger, den Tagesverlauf zu planen oder es fällt schwerer, Lösungsstrategien zu entwickeln, wenn beispielsweise ein Kind früher als geplant von der Schule abgeholt werden muss.

Häufigkeit kognitiver Störungen bei MS

Ungefähre Häufigkeit einiger kognitiver Störungen bei Multipler Sklerose. (modifiziert nach: MS in focus: Kognition und MS, MSIF 2013)

Faktoren, die die kognitiven Funktionen beeinträchtigen

Kognitive Funktionen werden sowohl durch körperliche als auch durch äußere Umstände beeinflusst. Bei einer Schädigung des Gehirns verbunden mit Hirnschwund kann es zur dauerhaften kognitiven Einschränkung kommen. Anders sieht es dagegen bei einer Funktionsstörung aus, die z. B. mit einer Depression, akutem Schub oder mit der Einnahme eines bestimmten Medikamentes einhergeht. In diesen Fällen können die kognitiven Fähigkeiten mit der richtigen Behandlung wiederhergestellt werden. Gleiches gilt für körperliche Einschränkungen oder Fatigue, die zudem durch Hilfsmittel oder strukturierte Tagesplanung verbessert werden können.

Bei einigen Menschen führt die MS zu sozialem Rückzug und einer sehr eintönigen Lebensweise. Wird das Gehirn jedoch nicht mehr regelmäßig gefordert, lassen meist auch die geistigen Fähigkeiten nach. Eine Veränderung der Lebensweise reicht oft schon, um das Gehirn mehr zu fordern und ihm wieder auf die Sprünge zu helfen. Ob und inwieweit eine dauerhafte oder nur eine vorübergehende Einschränkung der Kognition vorliegt und wie diese am besten behandelt wird, kann nur ein Arzt sicher diagnostizieren.

Faktoren, die die Kognition bei MS beeinflussen können

Einflussfaktoren auf die Kognition

Wie erkennt man kognitive Störungen?

Der Einfluss von MS auf die Kognition wird im Alltag zunächst oft übersehen. Der Prozess verläuft zum einen sehr langsam. Viele Menschen sind sich anfangs nicht bewusst, dass sie kognitive Störungen haben. Sie denken, dass sie beispielsweise den Schlüssel wiederholt verlegen, weil sie nur abgelenkt waren. Zum anderen sind die kognitiven Schwierigkeiten weniger auffällig als körperliche Symptome.

Besteht der Verdacht, an einer kognitiven Störung zu leiden, kann der Arzt die richtige Diagnose stellen.

Die Diagnose kognitiver Störungen

Der Blick in das Gehirn von MS-Betroffenen kann über die Entwicklung der Krankheit viele Aufschlüsse geben. So wissen Ärzte heute, dass jeder ihrer MS-Patienten von den Risiken verstärkten Hirnschwunds betroffen ist. Sie können allerdings nicht sagen, in welchem Stadium sich der Hirnschwund befindet oder wie schnell er voranschreiten wird. Leider gibt es noch kein ausgereiftes und standardisiertes Messverfahren, das zur Diagnose in der Praxis eingesetzt werden kann.

Die in den Kliniken und Praxen gängigen bildgebenden Verfahren – wie die Magnetresonanztomographie (MRT) – sind in der Lage, den Abbau der Hirnsubstanz zu dokumentieren. Aber: Sie zeigen den Verlust erst auf, wenn dieser bereits weit vorangeschritten ist. Die Herausforderung besteht heute daher darin, eine einheitliche und praktikable Messmethode zu entwickeln. Denn nur so kann der Abbau des Gehirns früh erfasst und möglichen kognitiven Einschränkungen vorbeugend entgegengewirkt werden.

In der klinischen Praxis wird die kognitive Leistungsfähigkeit mittels standardisierter neuropsychologischer Testverfahren wie u. a. FST (Faces Symbol Test), MUSIC (Multiple Sclerosis Inventory Cognition) oder BRB-N (Brief Repeatable Battery of Neuropsychological Tests in MS) erfasst. Mithilfe der neuropsychologischen Tests lassen sich verschiedene kognitive Leistungskomponenten, insbesondere Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Sprache, Flexibilität im Denken und Problemlösefähigkeit sowie deren Auswirkungen auf den Alltag und auf das Wohlbefinden der Patienten besser beurteilen.

Um die kognitiven Störungen von Depressionen und Fatigue abzugrenzen, werden standardisierte Fragebögen sowie strukturierte Interviews eingesetzt.

 

Quelle(n):

Quellen:
[1] Lexikon für Psychologie und Pädagogik. http://lexikon.stangl.eu/240/kognition/ (besucht am 08.04.2013)
[2] Callabrese P: Kognitive Leistungsfähigkeit im Mittelpunkt. Neurotransmitter 1-2007.