Der Blick auf mich – oder Plan P: Psychotherapie

Der Blick auf mich – oder Plan P: Psychotherapie

Dass MS auch als Krankheit der 1000 Gesichter bezeichnet wird, kommt nicht von ungefähr. Patienten müssen sich immer wieder auf neue Lebenswege einlassen und häufig auch mit neuen Handicaps zurechtkommen. Nicht immer einfach und schon gar nicht für die Seele. Depressionen treten auf.

Die Welt verdunkelt sich und das Zukunftsdenken wird zur negativen Achterbahnfahrt der Gefühle. Oft genug ist man gefangen in der Welt der Grauen und eines weiß ich genau: So einfach ist die Ausreise nicht. Sie allein zu schaffen, kann sehr mühsam sein. Ein guter Psychotherapeut kann helfen, sich neu zu sortieren, seelische Altlasten abzubauen und neue Wege zu finden.

Doch so einfach ist es nicht mit dem Psychologen. Es gibt Vorurteile. Ich selbst kenne sie. Irrenärzte brauchen wir nicht. Wir sind nicht geisteskrank. Bei vielen ist Psychotherapie ein Tabu. Wer zum Psychologen geht, hat quasi einen Knacks. Man spricht nicht darüber, dass die Seele oder gar das Innenleben Hilfe braucht, die keine Tabletten beinhaltet, sondern andere Techniken und Ansätze verlangt.

Als ich meine Diagnose erhielt, war alles zu viel. Zum einen war ich da selbst und zum anderen reagierte meine Umwelt auch auf die Information, die ich nur langsam offenbarte. Sie reagierte meist nicht gerade so, dass man es einfach hätte wegstecken können. Zum Teil waren diese Reaktionen extrem und für mich nicht mehr zu ertragen.

Dann bekam ich den Rat, zu einem Psychologen zu gehen. Ich zögerte, ich war damals noch zu voll mit diesen Vorurteilen. Da ich aber wenig Spielraum für mich sah und nicht weiter wusste, war ich der Meinung, dass es nicht schaden kann, versuchte ich es einfach.

Ich strandete bei einer Psychologin und begann nach einer Probestunde zu lernen. Die erste Lektion war: Ein Psychologe drängt nicht, er ist neutral und hört zu. Für mich war das Balsam auf der Seele. 

Es war ein Lernprozess und ich begann, mich zu verändern. Ich lernte, dass es immer Menschen geben wird, die Probleme mit MS haben und es zu akzeptieren, in dem ich sie ziehen ließ.

Auf einmal konnte ich Altes loslassen und neue Horizonte ergründen und legte mir nach und nach eine dicke Haut gegenüber Mitleidsattacken und verbalen Entgleisungen anderer zu. Der Blick auf mich war auch neu. Ich habe lange nicht gewusst, dass ich ihn eigentlich hatte, weil man mich, sofern ich „Das tut mir nicht gut" äußerte, sofort als egoistisch abstempelte und so mundtot machte. Heute stehe ich zu mir und kann Abstand gewinnen und emotionalen Stress in Grenzen halten.

Da bekannt ist, dass Stress für MS-Patienten nicht gerade die beste Sache ist, war das ein wichtiger Punkt. Zu lernen, sich aus bestimmten Situationen zurück zu ziehen, war hart. Es bedeutet im Grunde genommen nichts anderes, als aktiv ein „Nein" zu formulieren. Wir wissen alle, Nein zu sagen, hat auch immer Konsequenzen. Wie alles, was wir tun oder sagen. Und wer sagt schon gerne Nein? Ich! Jetzt! Nachdem ich verstanden habe, dass Nein mir gut tut und dass Nein manchmal einfach wichtig ist, um mich auch ein Stück weit zu schützen. Ich habe mich sehr genau kennengelernt, meine Facetten erkundet und gemerkt, dass ich trotz MS ein starker Mensch bin. Und das war mein größter Erfolg, ich lernte wieder, mir selbst zu vertrauen und mich zu mögen.

Einen Psychologen zu haben, gerade mit MS, ist ein wichtiger Punkt. Nicht immer bekommt man die Therapie bezahlt. Ich weiß, dass es von Land zu Land sehr unterschiedlich ist. Dennoch ist die Begleitung und die Anleitung zur Selbsthilfe eine Sache, von der alle MS Patienten nur profitieren können. Stressbewältigung, Wissen um Dinge, die helfen können, lernen, klar zu formulieren, was wichtig ist, alles das sind Dinge, die wir benötigen, um gut leben zu können.

In einer Studie US amerikanischer Forscher mit 121 Patienten, über die bereits 2012 berichtet wurde, werden die Vorteile einer Psychotherapie als Begleittherapie für MS-Patienten deutlich. Beschwerden wurden durch die regelmäßigen Treffen mit dem Therapeuten verringert, die erlernten Techniken halfen, stressfreier und somit auch mit weniger Beschwerden zu leben.

Klar ist, wer mit weniger Beschwerden lebt, genießt eine hohe Lebensqualität trotz MS und das ist ein wichtiger Punkt.

Ein weiterer Aspekt war, dass eine zeitlich begrenzte psychotherapeutische Behandlung nur bedingt hilft. Während der Studie zeigte sich deutlich, dass MS-Patienten eine dauerhafte oder zumindest langfristig ausgelegte Begleitung benötigen. Ein Umstand, den ich nur bestätigen kann. Es dauert eine Weile, bis man souverän mit problematischen Situationen umgehen kann.

Psychotherapie darf kein Tabu oder gar ein Stigma sein. Wer sich einem Psychotherapeuten anvertraut und aktiv mitarbeitet, erhält Hilfe zur Selbsthilfe, die einem Menschen, egal ob Patient oder nicht, Möglichkeiten eröffnet, mit Stress oder auch Ängsten besser umzugehen. Vorurteile sind also nicht angebracht. Im Gegenteil. In vielen Fällen ist die Hilfe wichtig und richtig.

Ich habe mich nach einer längeren Zeit wieder verabschiedet. Mein Gefühl sagte mir, dass ich ab einem bestimmten Zeitpunkt meinen Weg alleine fortsetzen konnte. Aber Plan B, sprich den kurzfristigen Notfalltermin für besonders heftige Situationen, den habe ich immer noch, weil ich weiß, dass Situationen kommen können, die selbst mich erneut ins Schleudern bringen.

Autor: Birgit Bauer