Sie scheinen eine veraltete Version der Internet Explorers zu verwenden, die von dieser Webseite nicht unterstützt wird. Bitte nutzen Sie einen Browser wie zum Beispiel Microsoft Edge, Chrome, Firefox oder Safari in einer aktuellen Version.

Hier erzähle ich euch meine Erfahrungen mit MS im Berufsalltag. Vielleicht kann ich euch damit inspirieren und motivieren. Denn ich musste komplett umdenken und meinen Beruf wechseln. Dabei kam viel auf mich zu, mit dem ich nicht gerechnet hatte. Aber letztendlich konnte ich alle Herausforderungen erfolgreich meistern.

Im Jahr 2011 hatte ich meine Wunschausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger beendet und ich freute mich, endlich eigenständig auf Station zu arbeiten. Ich fing auf der Unfallchirurgie an, doch mein Ziel war es, eines Tages auf der Intensivstation eingesetzt zu werden.

Nach einiger Zeit begann ich, für einen außerklinischen Intensivpflegedienst zu arbeiten. Für mich war damit ein berufliches Ziel erreicht. Ich konnte schwer kranke Menschen im häuslichen Umfeld pflegen. Eine Aufgabe, die mich mit Stolz und Sinn erfüllte. Nach einiger Zeit bekam ich sogar ein Arbeitsangebot von einer ambulanten Anästhesiepraxis. Ich freute mich sehr darauf, in diesem anspruchsvollen medizinischen Fachgebiet zu arbeiten.

Diagnose MS – einfach weitermachen und nichts anmerken lassen

Als ich dann 2012 die Diagnose Multiple Sklerose bekommen hatte, stellte das meine beruflichen Ziele total infrage. Zu Beginn machte ich einfach weiter. Ich ging in die Arbeit und ließ mir nichts anmerken. Die Folgen des ersten Schubs klangen bald ab und schon war ich wieder der „Alte“. So vergingen die ersten Monate und sogar Jahre. Ich konnte im hektischen OP-Alltag anfangs noch gut mithalten. Doch im Sommer 2014 fiel mir auf, wie mein Leistungsvermögen still und heimlich schwächer wurde. Bei sehr langen Arbeitstagen oder viel Hektik im OP bemerkte ich, wie meine Beine anfingen zu kribbeln – und ich eine kurze „Sitzpause“ brauchte. Gott sei Dank erholten sich meine Beine nach einer kleinen Pause wieder und ich konnte weiterarbeiten.

Trotzdem machte mir meine Arbeit als Krankenpfleger immer noch richtig Spaß. Sie war für mich nach wie vor eine Herzensangelegenheit. Ich versuchte, vor Kollegen und Patienten meine „leichten Schwächen“ zu verbergen oder zu überspielen. Dies wurde jedoch zunehmend schwerer, da die Schwäche in meinen Beinen stetig zunahm. Zusammen mit meiner Frau überlegte ich, ob ich nicht den Weg in eine Verwaltungstätigkeit einschlagen sollte. Doch ich wollte mich nicht damit abfinden, meinen Traumberuf Krankenpfleger einfach so an den Nagel zu hängen.

Mit MS ins Krankenhaus – und plötzlich wussten auch die Kollegen Bescheid

Also machte ich einfach weiter. Doch es kam der Punkt, an dem die Ausreden zu meinem „Zustand“ nicht mehr ausreichten. Nachdem ich 2016 aufgrund eines Fieberschubs nicht mehr gehen konnte (Uhthoff-Phänomen), verbrachte ich etliche Tage im Krankenhaus. Dadurch wurde meine Diagnose in meinem Arbeitsumfeld publik. Meine Sorge, dass damit meine berufliche Laufbahn zu Ende war, traf glücklicherweise nicht ein. Zusammen mit meinen Chefs und Kollegen suchte ich nach einem Weg, wie ich mit meinem reduzierten Leistungsvermögen am besten weiterarbeiten konnte.

Ich wurde bei langen Operationen eingesetzt, wo ich die Möglichkeit hatte, mich auch mal hinzusetzen. Außerdem wurden mir lange Botengänge abgenommen. Mit diesen neuen Arbeitsbedingungen und der Aufrichtigkeit in Bezug auf meine Diagnose konnte ich sehr gut weiterarbeiten. Ich freute mich über die vielen Gespräche und die neu gewonnene Offenheit – und wie meine Kollegen damit umgingen. Ich fühlte mich befreit und musste meine Schwäche nicht mehr verbergen. Es gab auch auf Kollegenseite kein Rätselraten mehr. Es war klar, ich habe MS und brauche hin und wieder eine Pause, um dann wieder weitermachen zu können. Und dafür hatte jeder Kollege vollstes Verständnis.

Die MS-Symptome nahmen zu – und ich konnte meinen Job nicht mehr machen

Die darauffolgenden Jahre lief es ganz gut. Trotzdem plagten mich regelmäßig Gedanken, ob mein Körper imstande sein würde, den nächsten Arbeitstag zu schaffen. Würde ich in der Lage sein, alle Wege zu gehen, die Treppen zum Sozialraum hochzusteigen und in stressigen Situationen die volle körperliche Leistung abzurufen?

Meine Befürchtungen traten ein und ich bemerkte eine schleichende Verschlechterung meines körperlichen Zustandes. Die Gehstrecken wurden immer kürzer und die Gänge zum WC (Urge-Symptomatik) häuften sich. Doch trotz all dieser Einschränkungen wollte ich in meinem Beruf weiterarbeiten. Und dank der Unterstützung meiner Kollegen konnte ich es auch.

Im Herbst 2019 kam für mich dann ein großer Wendepunkt in meinem Leben. In meinem Arbeitsfeld kam ich ohne Rollstuhl gar nicht mehr aus. Selbst kurze Wegstrecken wurden für mich richtig anstrengend. Ich stürzte häufiger in der Arbeit und merkte selbst, dass ich meine Arbeit als Anästhesiepfleger nicht mehr verantwortungsvoll und zuverlässig ausüben konnte. Deshalb zog ich einen Schlussstrich. Ich beendete die Arbeit in der aktiven Pflege, um mir eine andere Stelle zu suchen, bei der ich mit meiner MS weiterhin aktiv einen Beruf ausüben konnte. Der Weg zu dieser Entscheidung fiel mir damals schon sehr schwer.

Bewerben, bewerben, bewerben – und dann endlich Erfolg

Ich fing an, Bewerbungen zu schreiben, und war sehr positiv überrascht von der Anzahl der ersten positiven Rückmeldungen. Die Euphorie war leider von kurzer Dauer. Es kam eine Absage nach der anderen. Ich hatte etliche Vorstellungsgespräche, aus denen dann letztlich nichts wurde.

Ich stellte mir selbst die Frage, an was es liegen könnte. An mir, an meinem körperlichen Zustand? Die Monate vergingen und das Kündigungsdatum rückte näher. Ich schrieb wöchentlich Bewerbungen und hoffte, doch bald eine Zusage zu bekommen. Ich wollte ja unbedingt am Arbeitsleben teilhaben. Zumindest hatte ich eine Zusage für eine medizinische Reha, die gleich nach dem Ende meiner Kündigungsfrist stattfinden würde.
 

Überraschenderweise bekam ich im Frühsommer 2021 eine Nachricht von einer ehemaligen Schulbanknachbarin, in der sie mir eine Stelle in ihrem Büro anbot. Ich freute mich riesig über dieses Angebot! Nach einem kurzen Treffen war klar, ich würde nach der Reha bei ihr im Büro anfangen.

Neue Chance, neues Glück – mit meiner MS wieder aktiv im Berufsleben

Das ist jetzt ein paar Monate her und ich bin total dankbar, dass ich diese neue Arbeit ausüben kann. Auch wenn ich manchmal meine Arbeit als Pfleger und den persönlichen Kontakt zu den Patienten vermisse, finde ich Freude an meinen neuen Aufgaben im Büro. Für meinen Gesundheitszustand ist die Arbeit ideal.

Je nach meiner Verfassung bewege ich mich im Büro mit Gehstöcken oder auch mal mit dem Rollstuhl von Ort zu Ort. Ich freue mich auf die Zukunft – und dass ich in diesem Beruf noch viele Jahre arbeiten kann.